Orgelbau der Moderne

Tempora mutantur, nos et mutamur in illis

Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns mit ihnen

Richtigkeit im ersten und Wichtigkeit im zweiten Teil dieser tausend Jahre alten Sentenz bestätigen sich immer wieder – ganz besonders auch im Orgelbau. Hier ist die Vereinigung von Technik und Kunst, also von Struktur und Geist, Zeichen für Qualität. Nicht Lautstärke, sondern Variabilität und Klanglichkeit sind das Maß zur Erfüllung der Hauptaufgabe von Orgel und Organisten.

Die meisten Orgeln sind für ihre Zeit gebaut; so gibt es „alte Orgeln, neue Orgeln, barocke, neobarocke und romantische Orgeln“, gelegentlich aber auch eine Orgel, die zusätzlich zur Erfüllung herkömmlicher Aufgaben in der Lage ist, mit neuen Formen und Tönen schöpferische Fortentwicklung zu bieten.

Im Zentrum für zeitgenössische Kunst und Musik, der Kunststation Sankt Peter in Köln, steht ein solcher Meilenstein in der Geschichte des Orgelbaus, die neue Orgelanlage, die in ihrer Vielseitigkeit erhebliche Experimentierfreude weckt.

Für Initiative, Planung und Realisierung ist im Wesentlichen ein Triumvirat verantwortlich; drei Männer, die ihre sich ergänzende Denk- und Fühlweise in der  Orgel konstruktiv wiederfinden.

Es handelt sich um den Pfarrer von St. Peter, Pater Friedrich Mennekes SJ, in der Kunstszene kein Unbekannter, der sich bereits in seiner Frankfurter Zeit durch Ausstellungen zeitgenössischer Kunst –„um zeitgenössische Kunst an die Basis zu bringen“- einen Namen gemacht hat und seit 1987 permanent Ausstellungen mit vielen Künstlerinnen und Künstlern unserer Zeit organisiert.

Bei dem anderen handelt es sich um den Komponisten Peter Bares, der dem Ruf nach Köln als Organist und Kantor an St. Peter Anfang der neunziger Jahre gefolgt ist. Auch er genoß damals schon großes Ansehen in der Musikszene, z.B. als Initiator der Internationalen Studienwochen für Neue Geistliche Musik in Sinzig.

Der dritte im Bunde mußte natürlich einer sein, der die musiktragenden Säulen in St. Peter -die Komposition, die Interpretation, das Instrument-  stabil hält; es handelt sich um Orgelbau Willi Peter, Köln-Mülheim. Willi Peter hatte bereits nach brandbedingter Zerstörung 1944 den Auftrag zum Bau neuer Orgeln in St. Peter 1967 erhalten. Die Chororgel wird 1968, die Hauptorgel drei Jahre später fertiggestellt.

In den Folgejahren erfuhren die Orgeln einige Erweiterungen; dann haben sich allerdings weitere Planungen –besonders unter dem Einfluß von Peter Bares erübrigt; denn man entschied sich für eine völlige Neukonzeption der Orgel.

1997 war es dann soweit: Orgelbau Willi Peter hat in Zusammenarbeit mit Pater Mennekes SJ und Peter Bares, und dem mutigen und aufgeschlossenen  Orgelsachverständigen der Erzdiözese Köln, Herrn Adolf Fichter, die neuen Orgeln konzipiert. Auf diese sind Begriffe wie Stilorgel, Universalorgel oder andere nicht anwendbar. Sie bieten dagegen völlig Neues, nämlich die Möglichkeit, Altbekanntes mit Experimentellem zu verbinden; es werden also ganz neue klangliche Möglichkeiten eröffnet. Peter Bares wird ein der zeitgenössischen Orgelmusik adäquates Medium geboten.

Nun obliegt die Ausführung der Arbeiten für diese Orgeln den neuen Inhabern von Orgelbau Willi Peter: Christoph Böttcher und Thomas Kötschau. Sie haben den Betrieb vor fast zwei Jahren übernommen und stellen sich bewußt in die Tradition Willi Peters, indem sie sich bei ihren Planungen und Ausführungen von Aufgeschlossenheit und Experimentierfreude leiten lassen.

Der Orgelanlage in St. Peter liegt ein ungewöhnliches Konzept zugrunde.

Sie besteht aus zwei Instrumenten: Chororgel im nördlichen Seitenschiff und Hauptorgel auf der Empore, von einem Generalspieltisch aus spielbar. Vier Manuale: I. HW Chororgel; II. HW Hauptorgel; III. SW Hauptorgel; IV. NW Chororgel. Die Hauptorgel hat 75 Register und unzählige Schlagwerke.

Die Chororgel mit ihren zwei Manualen und Pedal hat 19 Pfeifenregister, Xylophon und Glockencymbel. Der Spieltisch ist mechanisch.

Die Hauptorgel mit vier Manualen und Pedal bietet zusätzlich ein Koppelwerk, das von jedem Manual und dem Pedal aus anspielbar ist. Dazu gehört auch die Trompeteria, die von Sinzig übernommen wurde, mit hundertsiebenundvierzig im Prospekt der Hauptorgel nach „spanischer Anordnung“ horizontal eingebauten Pfeifen. Der Registerbestand der Vorgängerorgel wurde erhalten und erweitert um einige Pfeifenregister, sowie eine große Anzahl Schlagwerke und Klangkörper.

Hochliegende Aliqoten wie auch die neuen Register wie Sept und Elfte kommen dem Organisten, für den individuelle Obertonzusammensetzungen eine wichtigere 

Rolle spielen als Klangschattierungen im Grundstimmenbereich, sehr entgegen. Die Erweiterung und Flexibilisierung der Klangmischungen im Obertonbereich resultieren aus der großen Zahl der gemischten Stimmen, insbesondere im Koppelwerk.

So ist die Orgel im Sinne von Peter Bares „dissonanzfähig“!

Ganz neu geplant und in Arbeit befindet sich ein zusätzliches Koppelwerk, in dem sich Streicher und Gedackte ergänzen. So wird die Hauptorgel vier und die Chororgel drei Manuale erhalten.